Teil 4

Spieluhr

Anhand der Kerben, die der Smutje in das Holz geschlagen hatte, konnten sie später genau sagen, dass sie acht Tage benötigten, um das Festland zu erreichen. Weitere drei Wochen später kamen sie in Deutschland an. Dort brachten sie in Erfahrung, dass Eversmeier und Kapitän Schellhoff noch am Leben waren. Ersterer hatte sich nach dem Schiffbruch allerdings zur Ruhe gesetzt und der Kapitän organisierte nun Schifffahrten vom Land aus. Er unternahm nur noch kurze Reisen selbst. Ingelbrink war, wie zwei Drittel der Mannschaft, nicht zurückgekehrt.

„Was ist mit Pascal?“, wollte Corvian wissen. Er hatte den Kapitän aufgesucht, um zu erfahren, wie es damals weitergegangen war und um dessen Hilfe bei der Rettung Norberts und Pauls zu erbitten.

„Der kleine Schiffsjunge?“, brummte Schellhoff „Der plappert nach wie vor ohne Unterlass. Ist ein guter Matrose. Grad ist er auf einer Handelsfahrt nach Indien. In ein paar Monaten sollte er wieder nach Deutschland kommen.“

Das freute Corvian, ebenso, wie die Bereitschaft des Kapitän, ihn bei der Rettung seiner Freunde zu unterstützen. Sein nächstes Schiff, das nach Amerika auslief, sollte einen kleinen Umweg in die Richtung machen, die der Smutje und Corvian angegeben hatten. Natürlich heuerte Corvian auf dem Schiff an. Der Smutje wollte erst einmal etwas zur Ruhe kommen, doch Corvian fürchtete, dass er wieder dem Alkohol und der Spielsucht verfallen würde. So ließ er Sharkbite bei ihm zurück und beauftragte den Smutje damit, dem Inselbewohner die zivilierte Welt zu zeigen. Er hoffe ihn so beschäftigt halten zu können, bis er selbst zurückkam.

Auf dem Hinweg nach Miami fanden sie die Insel nicht, doch der Schlenker, den sie bei der Rückreise fuhren, brachte den gewünschten Erfolg. Eine Nacht verbrachte die gesamte Crew auf der Insel und wurde von deren Einwohnern herzlich empfangen. Paul hatte zwar ein wenig Angst, wieder ein Schiff zu betreten, doch die Aussicht auf die Heimat lockte ihn zu sehr. Norberts Bindung an Noami war so stark geworden, dass sie mittlerweile nach der Sitte ihres Stammes seine Frau geworden war und nun gemeinsam mit ihm das Schiff nach Deutschland betrat.

„Wir wissen, dass es nicht einfach werden wird, aber uns zu trennen wäre noch viel schwieriger gewesen“, sagte er zu Corvian, als sie am nächsten Tag von der Reling aus beobachteten, wie die Insel immer kleiner wurde.

Als sie wenige Tage nach ihrer Ankunft Kapitän Schllhoff aufsuchten, erhielten sie von ihm die Nachricht, dass Pascal zurück sei und sie dringend erwarte. Natürlich machten sie sich gleich auf den Weg zu ihm.

„Norbert, Corvian, was bin ich froh euch zu sehen“, empfing Pascal die Freunde „Ihr müsst mir alles erzählen. Ich habe gehört ihr ward auf einer Insel gestrandet und habt unter Wilden gelebt. Ich habe den Smutje getroffen und euren Häuplingssohn, Sharkbite richtig? Ein interessanter Kerl, aber wie ich sehe ist er nicht der einzige, der das Festland erkunden möchte. Norbert, wer ist die hübsche Dame, die sich da hinter dir versteckt. Sag bloß, ihr haltet ja Händchen.“

Norbert nickte bestätigent und stellte seine Frau vor.

„Na herzlichen Glückwunsch. Das freut mich aber für euch. Ich wünsche euch alles Glück der Welt und hört nicht darauf, wenn jemand etwas Böses sagt. Die Menschen sind eben so. Stellt euch vor, ich werde auch heiraten. Schon nächsten Monat. Ihr müsst natürlich alle kommen.“

Es wurde ein fröhliches Fest und bald ging das Leben wieder seine gewohnten Bahnen. Leider wusste selbst Pascal nicht, um welches Siegel es sich bei Corvians Fund handelte, obwohl ihn die Geschichte natürlich begeisterte. Er zeichnete sofort eine Skizze und versprach jeden danach zu fragen, dem er begegnete. Corvian zweifelte nicht daran, dass der Freund sein Versprechen halten würde. Er selbst tat dasselbe, doch die Jahre vergingen und ihre Suche blieb erfolglos.

Norbert hatte einen Beruf als Schreiber in einer Kanzlei angenommen. Seine Eltern hatten eine Weile gebraucht, doch sie hatten sich an Noami gewöhnt. Natürlich gab es viele Menschen, die über sie tuschelten, aber sie gab sich große Mühe die Sitten und Bräuche zu lernen, so dass jeder, der die charmante Spieluhrensammlerin näher kennenlernte, sie in sein Herz schloss. Paul hatte geschworen, niemals wieder ein Schiff zu betreten, aber die anderen fuhren weiterhin zur See. Selbst Sharkbite stellte sich als hervorragender Seemann heraus. Manchmal heuerten sie auf denselben Schiffen an, manchmal auf unterschiedlichen. Corvian brachte es nach ein paar Jahren tatsächlich zum Maat. Als Waisenjunge mit ungewissen Wurzeln war das eine unglaubliche Karriere.

„Jetzt fehlt dir nur noch eine Frau“, sagte Pascal, als er ihn zu der Beförderung beglückwünschte „ich meine du hast so viel erreicht, aber wenn du heim kommst wartet nur der alte Smutje auf dich. Da gibt es wirklich besseres. Seit er nicht mehr zur See fahren kann hast du doch nur Ärger mit ihm. Der schafft es einfach nicht die Hände von den Karten zu lassen. Versteh mich nicht falsch, meiner Petra macht das gar nichts aus, ein Auge auf ihn zu haben, wenn wir auf See sind. Sie mag ihn wirklich gerne, aber für dich ist das doch nicht gut. Eine Frau und Kinder zu haben ist etwas tolles. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich heim komme.“

„Ich kann keine Frau heiraten, ohne zu wissen wer ich bin“, erwiderte Corvian.

„Das ist doch Blödsinn. Du bist Corvian, der erste Maat auf der ‚Meerglück‘. Du kannst eine Familie versorgen. Ich weiß, du willst wissen, wo du her kommst, aber vielleicht ist das gar nicht so toll und wenn du es weißt wünschst du dir, dass du es nie herausgefunden hättest. Vielleicht ist es besser, wenn du einfach deine eigene Geschichte gründest.“

Corvian lächelte, doch er wusste, er würde es nicht auf sich beruhen lassen können. Es musste doch einen Grund haben, warum er die Spieluhr in diesem Haifisch gefunden hatte. Das konnte kein Zufall sein.

„Corvian“ Der Name klang so verzerrt, dass Corvian seufzte.

Vom Ende der Straße kam der Smutje auf sie zu. Er schwankte, versuchte aber zu rennen und schwang aufgeregt seinen Arm. Corvian ging auf ihn zu und stützte ihn.

„Kann man dich nicht einmal mehr einen Mittag aus den Augen lassen?“, tadelte er den alten Mann, der nach Luft japste.

„Ich weiß, das war zu viel. Tut mir leid, aber ich habe da was. Schau mal“ Er streckte seine Hand aus und öffnete sie. Darauf lag eine Münze, nach der Corvian griff. Er und Pascal betrachteten sie und es stach ihnen sofort ins Auge. Die Prägung der Rückseite, war identisch mit dem halben Siegel, das Corvian auf dem Brief gefunden hatte.

„Woher hast du die?“

„Gewonnen, aber das war ein Seemann, der wusste auch nicht wo sie herkommt. Ich habe natürlich gefragt.“ Der Smutje bemühte sich seiner Stimme einen wichtigen Klang zu geben. „Aber dann hat ein anderer gesagt, er weiß, welcher Familie das Siegel gehört.“

 

Natürlich zögerte Corvian nicht. Gleich am nächsten Tag machte er sich auf den Weg nach Frankreich, denn dort stammte das Siegel angeblich her. Er erfuhr, dass der Familienname nicht mehr existierte, da es irgendwann keine männlichen Nachfahren mehr gegeben habe. Allerdings sagte man ihm, dass eine Tochter aus diesem Hause noch ganz in der Nähe lebe. Aufgeregt schrieb er einen Brief, in dem er um ein Treffen bat. Schon einen Tag später erhielt er eine Einladung zum Tee von einer Anna de Mellange. Eine A… konnte sie die Person sein, an welche der Brief gerichtet war?

Der Diener, der ihm öffnete, erklärte, dass ihn Madame bereits erwarte. Er führte ihn in eine Halle, wo er sich der schönsten jungen Frau gegenüber fand, die er je gesehen hatte. Für einen Moment verschlug es ihm die Sprache.

„Guten Tag, Mademoiselle Anna“, grüßte er nachdem er sich geräuspert hatte „es freut mich, dass sie mich empfangen.“

Sie neigte höflich den Kopf und ein freches Grinsen erschien auf ihrem Gesicht. „Es freut mich, ihre Bekanntschaft zu machen Monsieure, aber ich bin nicht die Dame, die sie mit Aufregung erwartet. Meine Großmutter ist nur nicht mehr gut zu Fuß. Sie bat mich sie zu ihr zu führen. Mein Name ist Madeleine.“

Er wurde rot und folgte ihr in einen gemütlichen, kleinen Raum. Ein Tisch war mit dampfendem Tee und Gebäck gedeckt. In einem Sessel saß eine ältere Dame. Sie musterte ihn intensiv, bevor sie ihn mit zitternder Stimme begrüßte. Auf ihre Aufforderung hin nahm er Platz, die junge Frau schenkte Tee ein und Corvian reichte der Dame die Spieluhr und den Brief und erzählte, wie er dazu gekommen war. Lange betrachtete sie beides, schluckte schwer, als ihr Tränen in die Augen stiegen und dann erfuhr Corvian endlich seine eigene Geschichte.

„Ich hatte nicht zu hoffen gewagt dich jemals kennenzulernen“, begann sie „obwohl ich durchaus nach dir gesucht habe. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich stamme aus einen guten Haus. Wie du sicher weißt, sind Liebesheiraten im Adelstand eher selten. Ich habe das nie besonders hinterfragt und war zufrieden mit der Wahl, die meine Eltern für mich trafen. Immerhin brachte mein Mann eine wunderbare Tochter mit in die Ehe, die mich dafür entschädigte, keine eigenen Kinder zu bekommen“ Sie lächelte der jungen Frau zu. „Meine kleine Schwester war da etwas anders. Sie hatte schon immer ihren eigenen Kopf. Amalia war ein richtiger Wildfang. Eines Tages gestand sie mir, wir teilten alle Geheimnisse miteinander, dass sie sich in einen Seemann verliebt habe. Natürlich fanden unsere Eltern es schnell heraus. Sie waren nicht glücklich darüber, hatten sie doch einen jungen Mann, der zwar verarmt aber immerhin aus altem Adel stammte, für sie vorgesehen. Aber unseren Eltern war wirklich an unserem Glück gelegen und so ließ mein Vater seine Beziehungen spielen. Sollte der junge Seemann sich bemühen und es zum ersten Maat bringen, würde er der Hochzeit zustimmen. So würde seine jüngere Tochter irgendwann zumindest einen Kapitän zum Mann haben. Das war zwar nicht der Traum meiner Eltern, aber immerhin akzeptabel. Es dauerte Jahre, aber als das Ziel endlich zum Greifen nahe war, erhielt meine Schwester einen Brief von ihrem Geliebten. Er enthielt einen Schlüssel. Das Geschenk, zu dem dieser gehöre, wurde er ihr selbst überreichen, sobald er von der Fahrt zurückkomme.“ Ihr Blick fiel auf die Spieluhr und eine Träne glitzerte in ihrem Auge.

„Er ist aber nie zurückgekommen“, sagte Corvian in die entstandene Stille hinein.

Die alte Frau schüttelte traurig den Kopf: „Das Schiff sank, doch Amalia hatte neben der Trauer noch ein anderes Problem. Sie war schwanger und so sehr unseren Eltern das Glück ihrer Töchter am Herzen lag, ein uneheliches Kind war undenkbar. Amalia vertraute sich mir an und als es nicht mehr zu verbergen war, kam sie zu mir zu Besuch. Mein Mann tat, als würde er nichts mitbekommen und ich und meine Stieftochter versteckten Amalia. Sie brachte das Kind hier zur Welt.“

Corvian zog die Luft ein.

„Ja, das warst du, mein Junge. Es brach deiner Mutter das Herz, aber wir mussten dich weggeben. Eine Kammerfrau, der wir vertrauten brachte dich fort. Sie versicherte uns, dass sie dafür sorgen würde, dass du in ein gutes Waisenhaus kämst. Wir erfuhren nie wohin du gebracht wurdest. Zu groß wäre die Versuchung gewesen, dich zu suchen.“

„Warum hat Amalia ihm den Schlüssel mitgegeben?“, fragte die Enkelin.

„Ich glaube sie wollte, dass das Kind wenigstens etwas von seinen Eltern hatte.“ Anna seufzte.

„Was ist aus ihr geworden?“ Corvian fiel es schwer diese Frage zu stellen. Er fürchtete sich vor der Antwort und doch musste er es wissen.

„Sie ist nie über den Verlust hinweg gekommen. Einen anderen Mann zu heiraten war für sie undenkbar und andere Kinder zu haben, wäre ihr wie ein Verrat an dir erschienen. Also beschloss sie ins Kloster zu gehen.“ Ein kleines Lächeln stahl sich auf das Gesicht der alten Frau „Und dort lebt sie noch heute.“

„Sie lebt.“ Corvian sprang auf.

Seine Mutter lebte, das hatte er nie zu hoffen gewagt. Noch besser, sie hatte ihn nicht verstoßen, sondern schweren Herzens weggeben müssen.

„Ich möchte sie sehen“, brach es aus ihm heraus.

„Natürlich möchtest du das und es gibt nichts auf der Welt, was ihr eine größere Freude machen könnte, da bin ich sicher.“ Seine Tante lachte, als er sie nun stürmisch umarmte.

Als sie am Vortag seinen Brief erhalten hatte, hatte sie sofort die Vorbereitungen für die Reise treffen lassen. Obwohl sie nicht mehr gut zu Fuß war, würde sie sich dieses Wiedersehen nicht entgehen lassen. Ihrem Neffen hatte sie ein Gästezimmer herrichten lassen, damit sie sich am nächsten Morgen ganz früh gemeinsam mit Madeleine und einem Diener auf den langen Weg zum Kloster machen konnten.

Worte können die Freude nicht beschreiben, die Mutter und Sohn bei ihrem Wiedersehen empfanden. Von nun an würde nichts mehr zwischen sie kommen. Aufgrund seiner neu entdeckten Herkunft, wurde Corvian schon sechs Jahre später zum Kapitän befördert und er folgte dem Rat seines Freundes Pascal und heiratete die schöne Stiefenkelin seiner Tante.

ENDE

 

Ich hoffe, euch hat mein Märchen gefallen. Ich wünsche euch allen

FROHE WEIHNACHTEN!!!

 

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Teil 3

Insel

Als sie den Strand erreichten, krochen sie auf allen Vieren aus dem Wasser und brachen regelrecht zusammen. Lange lagen sie da. Sonne und Wind trockneten ihre Kleidung. Irgendwann begann es zu dämmern. Corvians Magen knurrte laut und machte ihnen allen klar, dass es Zeit war, sich zu bewegen.

Sie rappelten sich auf und gingen auf den Wald zu, der sich an den Strand anschloss.

Als sie die ersten Palmen erreichten, hatten sie Glück.

„Kokosnüsse“, rief Norbert mit krächzender Stimme.

Um an die Nüsse zu kommen, die an den Palmen hingen, fehlte ihnen die Kraft, doch es waren genug davon auf den Boden gefallen. Auf einem Stein schlugen sie diese auf. Zuerst tranken sie gierig die Flüssigkeit, dann erst brachen sie das Fruchtfleisch heraus. Sie diskutierten, ob es sinnvoll wäre, ein Feuer zu entzünden. Einerseits würde es wilde Tiere abhalten, andererseits konnte es Kannibalen anlocken. Sie machten kein Feuer, nicht zuletzt, weil sie weder einen Feuerstein noch Streichhölzer bei sich hatten. Der besorgte Paul bestand aber darauf eine Nachtwache aufzustellen. Er selbst wollte die erste Schicht übernehmen. Er weckte allerdings die ganze Nacht über keinen der anderen, weil ihn schon nach einer halben Stunde die Müdigkeit übermannt hatte.

Während des Kokosnuss-Frühstücks am nächsten Morgen beratschlagten die vier, was sie nun tun sollten.

„Holz gibt es ja genug“, stellte der Smutje fest „Ich würde sagen, wir bauen ein Boot und dann nichts wie weg.“

„So einfach dürfte das nicht werden. Wir haben ja keine Werkzeuge“, gab Corvian zu bedenken.

„Außerdem müsste ein Boot, das uns vier eine längere Zeit über den Ozean tragen kann, so groß sein, dass wir es kaum vom Land ins Wasser bringen werden. Das Problem hatte auch Robinson Cruso“, fügte Norbert hinzu.

Sie beschlossen zunächst einmal vorsichtig die Insel zu erkunden und vor allem nach Nahrung und Wasser zu suchen.

Sie fanden ganz in der Nähe eine Quelle und auch an Früchten mangelte es nicht. Jeder von ihnen hatte sein Messer, wie es sich für Seemänner gehörte, am Gürtel und so gelang es ihnen, in den nächsten Tagen eine notdürftige Behausung zu bauen und Speere, Pfeile und Bögen zu machen. Die Jagd auf Hasen und Vögel gestaltete sich jedoch eher schwierig. So lebten sie die meiste Zeit vegetarisch und freuten sich umso mehr, als sich ein fasanenähnlicher Vogel in die Hasenfalle verirrte, die Norbert aufgestellt hatte. Er war ziemlich zäh, aber das störte sie nicht.

Immer wieder hatten sie jedoch das Gefühl, beobachtet zu werden. Manchmal hörten sie ein leises Rascheln, oder sahen einen Schatten zwischen den Bäumen, doch immer, wenn sie genauer hinsahen, konnten sie nichts entdecken. Nun, Paul sah eigentlich nie genauer hin. Er wollte nicht wissen, was sie da beobachtete. Seine Vermutungen gingen hin und her zwischen wilden Tieren, gefährlichen Monstern und hungrigen Kannibalen. Er hielt sich daher die meiste Zeit am Strand auf, wo er den Waldrand argwöhnisch im Auge behalten konnte.

Seit ihrer Ankunft war etwa eine Woche vergangen. Corvian und Norbert waren auf der Suche nach Nahrung im Wald unterwegs und machten Rast an der Quelle. Da sie schon eine recht erfolgreiche Ausbeute an Früchten gesammelt hatten, hatten sie sich im Schatten für ein Nickerchen hingelegt. Die Sonne war in diesen Breiten so sengend, dass am Mittag kaum eine andere Tätigkeit möglich war, als auszuruhen. Als Corvian erwachte, sah er, wie Norbert einige Meter entfernt konzentriert über einen Felsen spähte. Er vermutete, dass sich dort ein Tier befinden müsse. Vielleicht ein Hase und um ihn nicht zu verscheuchen, schlich Corvian lautlos an die Seite seines Freundes, blieb aber hinter dem Felsen verborgen. Er reichte Norbert dessen Bogen, doch der gab ihm mit einer Handbewegung zu versehen, dass er ihn nicht brauche. Ganz langsam stand Norbert auf, hob seine Hände, um zu zeigen, dass sie leer waren und setzte sich auf den Felsen. Dann wartete er. Nach einem Moment kletterte er vorsichtig vom Felsen herunter und blieb davor stehen. So ging es weiter, Schritt für Schritt entfernte er sich von Corvian, der es nun wagte, selbst einen vorsichtigen Blick über den Felsen zu werfen. Er musste einen überraschten Laut unterdrücken. Nur wenige Meter von Norbert entfernt stand eine junge Frau. Sie hatte braune Haut, schwarze Haare und war nur notdürftig bekleidet.

„Guten Tag“, sagte Norbert ruhig und langsam.

Die Frau erwiderte etwas in einer fremden Sprache, dann reichte sie Norbert eine große Frucht. Er nahm sie entgegen und neigte dankend den Kopf. Die Frau blickte hinter sich und rief etwas in ihrer Sprache, woraufhin zwei weitere Frauen hinter den Bäumen hervortraten. Norbert verneigte sich zum Gruß, was die Frauen zum Lachen brachte. Vermutlich galt das hier nicht als wertschätzende Begrüßung. Auf einen Wink von Norbert, näherte sich nun auch Corvian vorsichtig.

Die Verständigung gestaltete sich natürlich schwierig, aber sie machten einander deutlich, dass sie keine bösen Absichten gegeneinander hegten. Warum die vier Fremden auf der Insel waren, verstanden die Frauen aber nicht so recht. Plötzlich deutete eine von ihnen in den Himmel und rief etwas. Sofort sprangen alle auf, ahmten Norberts Begrüßung nach, indem sie sich kichernd verneigten und rannten davon.

Sie trafen sie Frauen am nächsten Tag wieder und wurden für den Abend zu ihrem Stamm eingeladen. Natürlich wollte Paul, als er davon erfuhr, nicht hingehen, da er dachte, sie sollten die Hauptmahlzeit sein.

„Ihr habt doch gar nicht richtig verstehen können, was sie wollten. Vielleicht habt ihr sogar zugestimmt, dass sie uns auffressen“, jammerte er.

„Möglich“, brummte der Smutje „aber ist es dir lieber, hier alleine zu warten und dich ständig zu fragen, ob wir zurückkommen oder ob die Wilden kommen und dich als Nachspeise vernaschen?“ Er zwinkerte den anderen beiden zu.

Paul musste zugeben, dass ihm diese Aussicht noch weniger gefiel und so ging er mit, als die junge Frau und ein fremder Mann sie am Abend abholten.

Die Inselbewohner entpuppten sich als friedlicher und hilfsbereiter Stamm. Sie zeigten den Gestrandeten, wie man richtig jagte und welche Wurzeln und Pilze essbar waren. An diese hatten sich die vier nämlich bisher noch nicht herangewagt.

Norbert bemühte sich intensiv darum, die Sprache der Menschen hier zu lernen und konnte sich bald recht passabel verständig machen.

Doch obwohl ihr Überleben gesichert schien, machte sich in Corvian bald eine Unzufriedenheit breit. Er wollte nicht den Rest seines Lebens auf dieser Insel verbringen. Er fühlte sich eingesperrt. Während die anderen immer mehr Zeit bei dem Stamm verbrachten, zog Corvian sich häufig zurück, starrte auf das Meer und dachte darüber nach, was er tun würde, wäre das Schiff nicht gesunken. Er würde mittlerweile als Matrose zur See fahren. Immer wieder fragte er sich auch, was auf dem Rest der Mannschaft geworden war. Hatten sie sich in den anderen Booten retten können? Hatten sie es nach Hause geschafft? Lebte der Kapitän noch? Die Maate? Pascal? An ihn dachte er besonders häufig. Er war noch so jung gewesen und hatte so viele Pläne gehabt.

Ein Schrei riss ihn eines Tages aus seinen Gedanken. Es war ein junger Mann der zum Fischefangen ins Meer gewatet war. Corvian sprang auf und rannte zu ihm, um zu sehen, was geschehen war. Das Blut der Fische, die der Mann bereits mit seinem Speer gefangen hatte, hatte andere Fische angelockt. Haifische. Er war umzingelt und es gelang ihm kaum die hungrigen Tiere auf Distanz zu halten. Corvian schnappte einen am Ufer liegenden Speer und eilte dem Mann zu Hilfe. Er erwischte einen Hai und dessen Blut machte die anderen noch wilder. Einer von ihnen erwischte den jungen Mann, den Corvian nun als Sohn des Häuptlings erkannte. Er musste sich auf Corvian stützen, um nicht unter die Haie zu fallen. Endlich zeigte Corvians Einsatz Wirkung. Die ersten Haie ließen von ihnen ab, wandten sich dem verletzten Artgenossen zu oder flohen vor dem spitzen Speer zurück ins Meer. Corvian hörte eine Frau schreien und kurz darauf nahm jemand die Last von seinen Schultern. Norbert zog den verletzten Inselbewohner auf das Ufer zu von wo aus der Smutje ihnen bereits zu Hilfe eilte. Corvian sorgte dafür, dass die übrigen Haie nicht an sie herankamen. Einer war jedoch besonders hartnäckig. Corvian stieß mit aller Kraft auf ihn ein. Einmal, zweimal, dreimal… er war wie in Rage und hörte erst auf, als das Tier reglos vor ihm im Wasser trieb.

Während die herbeigeeilten Stammesmitglieder den jungen Häuptlingssohn in ihr Lager trugen, um seine Wunden zu versorgen, zogen Corvian und der Smutje den toten Haifisch aus dem Wasser.

„Heute Abend gibt es wohl Haifischsuppe“, grinste der Smutje.

„Nicht nur heute vermutlich. So groß wie das Vieh ist, können wir damit den gesamten Stamm für eine Woche ernähren.“ Corvian lachte.

Beim Ausnehmen des Haifischs, stieß Corvians Messer plötzlich auf etwas Hartes. Es war etwas, das sich im Magen befand. Er schnitt es heraus.

„Was ist das?“, wollte Paul wissen. Er war zu ihnen gekommen, um beim Zerteilen des Haifischs zu helfen.

Das Objekt war aus lackiertem Holz, etwa 20 Zentimeter breit und jeweils 10 hoch und tief. Was darauf eingeritzt war, war nicht zu erkennen, denn es kam ja direkt aus dem Magen des Haifischs.

„Sieht aus wie ein Kästchen“, stellte der Smutje neugierig fest.

„Nein, das ist eine Spieluhr“, erklärte Corvian und wies auf ein kleines Metallstück an der Seite hin.

Er trug seinen Fund zum Wasser und reinigte ihn so gut wie möglich. Auf dem Deckel kamen hübsche Einlegearbeiten aus Metall und Perlmutt zum Vorschein.

Der Smutje pfiff durch seine Zahnlücke: „Nicht schlecht. Das Ding war mal nicht günstig. Mach‘ mal auf.“

„Es ist verschlossen“, sagte Corvian ein wenig enttäuscht.

„Das dürfte nicht allzu schwer aufzubrechen sein.“

Corvian nickte, doch er zögerte, das Kästchen auf einen Stein zu schlagen.

„Ich versuche es später. Vielleich bekomme ich es auf, ohne es völlig kaputtzumachen.“

„Dein Haifisch, dein Kästchen“, sagte der Smutje achselzuckend.

„Wie es wohl in den Hai gekommen ist?“, fragte Paul und sie rätselten darüber, während sie den Hai weiter zerteilten. Zuletzt schien es ihnen am logischsten, dass der Hai das glänzende Metall und Perlmutt für einen Fisch gehalten und verschlungen hatte. Vermutlich stammte es aus einem gesunkenen Schiff.

 

Einige Tage später saß Corvian mit dem Kästchen am Strand und betrachtete es wie so oft. Er hatte es noch nicht über sich gebracht, es zu öffnen. Vielleicht wollte er das Geheimnis auch gar nicht lüften. So konnte er sich immerhin vorstellen, dass Edelsteine oder etwas anderes Wertvolles darin waren. Irgendwann setzten sich Norbert und Noami zu ihm. Noami war nicht der richtige Name der Inselbewohnerin, die sie als erstes kennengelernt hatten, aber es kam diesem recht nahe und war für die Schiffbrüchigen, im Gegensatz zu dem echten Namen, wenigstens aussprechbar. Sie war fasziniert von dem Kästchen, betrachtete es lange und versuchte schließlich, den Deckel zu heben.

„Es ist verschlossen“, erklärte Norbert, als er ihren überraschten Blick sah, weil sich der Deckel nicht öffnete. „Man braucht einen Schlüssel.“

Sie sah ihn verständnislos an. Norbert überlegte, dann bat er Corvian ihr den Schlüssel zu zeigen, den er um den Hals trug. Bereitwillig reichte Corvian ihn ihr. Sie betrachtete ihn eine Weile, schien den Sinn aber nicht zu verstehen, also nahm Corvian das Kästchen und erklärte langsam: „Schau, man steckt ihn in das Schlüsselloch und dreht.“ Er führte es vor.

Der Schlüssel glitt ins Loch, ließ sich drehen und der Deckel sprang auf.

Vor Schreck hätte er das Kästchen fast fallen lassen. Auch Norbert starrte fassungslos darauf, nur Noami klatschte begeistert in die Hände.

„Wie kann das sein?“, fragte Norbert und starrte fassungslos auf die kleine Kiste.

„Eigentlich gar nicht“, antwortete Corvian ebenso ungläubig.

In dem Kästchen befanden sich fröhliche Figuren, die in einem Kreis angeordnet waren und darüber lag ein vom Wasser wellig gewordener Brief. Diesen nahm Corvian vorsichtig heraus. Er war versiegelt, doch die obere Hälfte des Siegels war zerbrochen, so dass es nicht mehr zu erkennen war. Auf der Vorderseite hatte vermutlich keine ganze Adresse gestanden. Man konnte ein „A“ in einer Zeile und darunter ein weiteres „A“ entziffern. Der Rest war vom Wasser weggespült.

Da Noami fasziniert die Figuren betrachtete, beschloss Corvian, den Brief später genauer zu betrachten. Vielleicht erhielt er tatsächlich einen Hinweis auf seine Herkunft. Dieser Gedanke löste in ihm ein unglaubliches Kribbeln aus.

„Sollen wir versuchen, ob es noch funktioniert?“, fragte er und Noami sah ihn fragend mit ihren großen schwarzen Augen an.

Er drehte an dem Metallteil. Es war etwas rostig, doch es ließ sich bewegen. Stockend erklangen die ersten Töne und die Figuren setzten sich ruckelnd in Bewegung. Noami erschrak zuerst und machte einen Satz rückwärts, doch dann näherte sie sich wieder und betrachtete das kleine Schauspiel liebevoll. Als es aufgehört hatte sah sie Norbert an und er erklärte ihr, wie sie es wieder zum Laufen brachte.

Corvian wandte sich wieder dem Brief zu. Konnte er wirklich Aufschluss über seine Vergangenheit geben? Vielleicht sogar Informationen über seine Familie enthalten?

Ganz vorsichtig löste er das Siegel. Er wollte es auf keinen Fall noch mehr zerbrechen. Als er den Brief auseinandergefaltet hatte, entfuhr ihm ein „Oh“.

„Was ist? Steht etwas Wichtiges drin?“ Noch nie hatte Corvian Norbert so aufgeregt gesehen.

„Vielleicht hat es das mal“, sagte Corvian enttäuscht.

Nicht nur die Tinte auf der Vorderseite war bis zur Unkenntlichkeit verlaufen. Gemeinsam versuchten die Freunde etwas zu entziffern, aber sie konnten nur wenige Worte erkennen. „Lieb… A… Schlüssel erreicht…“ ein langer Absatz nichts, „… Melodie erinnert…“, eine Unterschrift, die als James oder Jane gedeutet werden konnte und dann: „erwarten zu heiraten.“ Vermutlich als P.S.. Corvian und Norbert sahen sich an.

„Viel ist das nicht“, sagte Corvian schließlich.

Norbert nickte. Zumindest war es nichts, was auf die Herkunft der Spieluhr schließen ließ.

„Es war vermutlich ein Geschenk einer Frau an ihren Geliebten“, riet Corvian. „Er ist zur See gefahren und Sie hat den Schlüssel als Pfand bei sich behalten.“

„Hm… und den Brief, den sie ihm geschrieben hat, hat sie in das Kästchen eingeschlossen?“ Norbert war skeptisch.

Leider konnten auch Paul und der weitgereiste Smutje das halbe Siegel nicht zuordnen. Dennoch war in Corvian ein neuer Wille erwacht. Es gab eine Spur zu seiner Herkunft. Da war ein Rätsel, das er lösen musste.

Die Wunde des Häuplingssohnes war zwar tief, aber nicht lebensbedrohlich. Da der Häuptling sehr dankbar war für die Rettung seines Sohnes, willigte er rasch ein, den Fremden beim Bau eines Bootes zu helfen. Es dauerte Wochen, bis es fertig war. Es musste groß genug sein, dass es den üblichen Winden trotzen konnte. Einen Sturm würde es kaum überstehen, aber Corvian war bereit, das Risiko einzugehen.

Endlich war das Boot fertig und mit ausreichend Proviant und Süßwasser beladen. Am Abend vor der Abreise wurde eine Abschiedsfeier veranstaltet. Corvian bemerkte, dass Paul sehr unglücklich aussah.

„Was ist los? Willst du nicht heim?“, fragte er.

„Doch natürlich, aber das Boot ist viel zu klein. Ein kleines Gewitter und wir gehen unter und werden von Haien gefressen oder ertrinken jämmerlich und dann fressen uns andere Fische.“

„Wir können dich holen. Wenn wir es ans Festland schaffen, schicken wir ein Schiff, das dich abholt“, bot Corvian an.

Pauls Blick ging zu den tanzenden Ureinwohnern und drückte deutlich aus, dass es ihm auch nicht behagte alleine hierzubleiben.

„Ich kann bei dir bleiben“, mischte sich plötzlich Norbert ein, der das Gespräch mitangehört hatte.

Corvian vermutete, dass Norberts Vorschlag nicht allein dem Wunsch entsprang Paul beizustehen. Norbert wollte sich einfach noch nicht von Noami trennen.

Allerdings würde es schwierig werden, das Boot zu zweit zu steuern. Die Lösung kam schließlich vom Häuptling und dessen Sohn. Die beiden boten an, dass letzterer mitfahren sollte. So stiegen am nächsten Tag Corvian, der Smutje und der Sohn des Häuplings, den sie von nun an Sharkbite nannten, in das Boot. Die Zurückbleibenden standen am Ufer bis die Reisenden außer Sicht waren und dann war es plötzlich ganz still.

Teil 2

Schiffe

Sie befanden sich auf dem Weg von Sierra Loune nach Jacksonville. Corvian bediente wie üblich den Kapitän und die beiden Maate beim Abendessen. Dabei hörte er, wie sich diese über die zukzünftige Route unterhielten.

„Mit der direkten Route sind wir in einem Monat in Jacksonville, wenn wir über Baltimore fahren, brauchen wir mindestens eine Woche länger“, brummte Eversmeier.

„Dafür geraten wir nicht mitten ins Sturmgebiet“, stellte Ingelbrink, der erste Maat klar. Er war ein unauffälliger Mann mit nervösem Blick.

„Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Route genommen habe. Stell dich nicht so an.“ Eversmeier funkelte Ingelbrink aus seinen kleinen Augen an.

„Ich denke das Risiko ist zu groß. Ich habe ein ungutes Gefühl dabei.“ Ingelbrink bemühte sich ruhig zu sprechen, doch das Zittern in seiner Stimme war unüberhörbar.

„Ein ungutes Gefühl? Na, das ist ja mal was ganz Neues.“ Eversmeier klang bitter. „Bei jeder zweiten Route, die wir nehmen, kommst du damit an. Immer behauptest du, dass wir untergehen oder von Piraten angegriffen werden oder sonst was, aber nie passiert etwas. Du bist einfach ein Angsthase Ingelbrink.“

„Das bin ich nicht, aber in der Nacht bevor wir ausgelaufen sind…“

„… hast du geträumt, dass wir untergehen.“ unterbrach Eversmeier ihn „Meine Güte, wenn ich jedesmal so nen Aufstand machen würde, weil ich schlecht geschlafen habe, dürft ich gar nicht mehr aus dem Haus gehen und dann würde meine Frau mich wahrscheinlich irgendwann erschlagen.“ Er sah den Kapitän auffordernd an.

Schellhoff hatte bisher geschwiegen, jetzt seufzte er: „Eversmeier hat schon recht. Ingelbrink, Sie sind übernervös auf dieser Fahrt. Vielleicht hätten Sie noch ein Jahr warten sollen, bevor Sie wieder zur See fahren. Ihre Krankheit scheint ihnen noch in den Knochen zu stecken.“

Corvian wusste natürlich nicht, von welcher Krankheit die Rede war, aber das war auch nicht wichtig. Er musste den anderen Recht geben, Ingelbrink war sehr nervös und sah überall Gefahren. Bisher hatte sich jedoch jede Situation als ungefährlich herausgestellt. Innerlich stimmte er dem Kapitän zu, als dieser nun erklärte, dass die Mannschaft sehr gut sei, er vollstes Vertrauen in ihre Fähigkeiten habe und sie den kürzeren, direkten Weg nehmen würden.

Die Überfahrt verlief dann auch weitgehend ruhig. Zwei kleinere Gewitter rüttelten an den Masten, doch außer dem ersten Maat geriet niemand in Panik. In einer knappen Woche würden sie Jacksonville erreichen. Die Matrosen freuten sich bereits darauf, da es dort angeblich den besten Apfelkuchen und die schönsten Frauen gab.

Dann zeigten sich dunkle Wolken am Horizont. Sie näherten sich schnell und die Mannschaft machte sich daran alles für ein weiteres Gewitter zu rüsten, doch diesmal war es anders. Der Himmel wurde dunkler, der Wind heftiger und der Regen stärker als bei allen vorangegangenen Malen zusammen. Hektik breitete sich aus. Auch Corvian und die beiden anderen Schiffsjungen waren an Bord, um zu helfen. Das Schiff bog sich bedrohlich von einer Seite zur anderen. Blitze gaben immer wieder kurzes ein Bild des Geschehens wieder. Bald konnte die Mannschaft nichts Anderes machen, als sich festzuhalten so gut es ging. Einige hatten sich sogar an der Reling festgebunden. Die Segel flatterten unruhig, dann ein ohrenbetäubendes Krachen. Einen Moment herrschte Ratlosigkeit, dann schrie jemand durch den tosenden Sturm: „Der Mast“

Der Ruf wurde weitergegeben, während der riesige Hauptmast wie in Zeitlupe fiel. Die Wucht, mit der er auf dem Deck einschlug, riss ein Leck in das Schiff.

Corvian starrte darauf. Er wusste, was das hieß. Das Schiff würde sinken. Durch die Blitze sah er, wie der Kapitän sich über das Deck hangelte. Er schrie den Matrosen Befehle zu. Corvian konnte sie nicht hören, doch er wusste, dass sie das Schiff aufgeben mussten. Er kämpfte sich zu einigen Männern, die damit beschäftigt waren ein Rettungsboot loszubinden. Bei diesem Seegang und dem riesigen Loch im Schiff, würde es unmöglich sein, das kleine Boot sicher zu Wasser zu lassen. Sie mussten Glück haben und selbst wenn es gelang, die Boote richtigherum ins Wasser zu bringen, würden sie dem Sturm in diesen Nussschalen trotzen müssen.

Mit einem Ruck löste sich das Boot. Einige Meter entfernt hing ein weiteres Boot, an dem zwei Männer beschäftigt waren. Corvian kletterte an der Reling, die mittlerweile fast vertikal in die Höhe rage, entlang zu ihnen. Erst jetzt erkannte er den Smutje. Das Rettungsboot hatte sich verkeilt und obwohl die Leinen gelöst waren, konnte es nicht vom Schiff gelöst werden. Corvian wusste, dass die Rettungsboote knapp waren. Sie brauchten jedes Boot, damit die ganze Mannschaft eine Chance hatte.

Das Boot unter ihnen bewegte sich und kam hart im Wasser auf. Die Männer, mit denen er gerade an ihm gearbeitet hatte, beeilten sich hineinzukommen und sich vom Schiff zu entfernen.

Überall krachte es. Das Schiff brach an immer mehr Stellen auseinander. Corvian konnte durch den Regen und die Dunkelheit nicht weit sehen. Es war auch nicht wichtig, er musste sich auf dieses Rettungsboot vor ihm konzentrieren und wenn es ihnen gelang, es frei zu bekommen, mussten sie versuchen sich damit zu retten. Er kletterte hinter das Boot und stemmte seine Beine gegen das Boot, während er sich mit dem Rücken gegen die Reling drückte. Zwei andere Matrosen taten dasselbe. Es knackte und Corvian spürte, dass das Boot nachgab.

„Nochmal auf drei“, schrie einer der Matrosen.

Leise drangen die Worte an Corvians Ohr. Rasch griff er nach einem Seil, das neben ihm baumelte, und stieß sich auf drei mit aller Kraft ab. Das Boot löste sich und stürzte nach unten. Er hörte einen Mann schreien, dann ein Klatschen, als das Boot auf dem Wasser aufkam. Corvian hing an dem Seil. Hätte er es nicht in letzter Sekunde zu greifen bekommen, wäre er, ebenso wie der andere Mann, mit dem Boot hinuntergestürzt. Im Licht eines Blitzes erkannte er, dass das Boot schräg im Wasser gelandet war. Eine Hälfte hing noch auf dem Schiff. Von dem gestürzten Matrosen war aber nichts zu sehen. Er suchte mit dem Blick nach dem Smutje und fand ihn einige Meter unter sich, wo er sich an eine Holzbohle klammerte. Corvian hangelte zu ihm und half ihm beim Hinunterklettern. Als sie das Boot erreichten, waren noch drei weitere Matrosen dort. Gemeinsam gelang es ihnen, das Boot vom Schiff zu lösen. Corvian half dem Smutje ins Boot, denn dieser war alleine nicht dazu in der Lage. Vermutlich war er verletzt. Einer der Matrosen deutete in eine Richtung. Dort kämpften einige Männer mit einem Boot, dass unter Schiffsteilen eingeklemmt war. Zwei der Matrosen machten Zeichen, dass sie ihnen helfen wollten. Corvian überlegte kurz, ob auch er helfen sollte, doch Der Smutje brauchte ihn ebenfalls, also sprang er zu ihm und dem dritten Matrosen ins Boot. Einen Moment zögerten sie noch und hielten Ausschau, ob sie noch jemanden aufnehmen konnten, doch sie sahen niemanden. Mit einigen kräftigen Ruderschlägen entfernten sie sich von dem sinkenden Schiff. Corvian war erschrocken zu sehen, wie zerstört es schon war. In wenigen Minuten würde die See es verschlingen.

Eine Welle ergriff ihr Boot und schleuderte es nach oben. Regen peitschte, Blitze zuckten, Wrackteile trieben im Wasser.

„Da“, der Matrose zeigte auf einen Tisch, an dem sich jemand festhielt. Sie ruderten hin und zogen den jungen Mann aus dem Wasser. Corvian war erleichtert, als er Norbert erkannte. Dieser war völlig außer Atem und nicht in der Lage ein Ruder zu halten, doch er lebte.

Sie wurden hin und her geworfen und das einzige, was sie tun konnten, war, sich so gut es ging festzuhalten, um nicht aus dem Boot zu fliegen. Irgendwann war das Schiff weg, aber, ob es daran lag, dass es gesunken war oder ob sie einfach zu weit weggetrieben waren, wussten sie nicht. Wie ein kleines Blatt im Wind wurden sie herumgewirbelt. Wie lange der Sturm noch wütete hätte keiner von ihnen nachher sagen können. Irgendwann war es vorbei. Es war finstere Nacht. Sie waren durchnässt bis auf die Knochen, im Boot stand das Wasser bis zu ihren Knien und sie zitterten vor Kälte und Erschöpfung. Keiner sagte etwas. Was hätten sie auch sagen sollen? Sie saßen einfach nur da, wurden immer wieder von der Müdigkeit übermannt, dösten ein, schreckten wieder auf und starrten weiter vor sich hin. Endlich wurde es hell und sie konnten sich umsehen. Nichts, nur das weite Meer, das nun so still dalag, als wäre nie etwas geschehen. Sie sahen weder andere Boote noch irgendwelche Wrackteile. Nichts konnte ihnen Orientierung geben, wo sie waren.

„Das Wasser steigt“, stellte Norbert erschrocken fest.

Es stimmte. Das Boot war in einem miserablen Zustand und es musste irgendwo ein Leck haben.

„Verdammt“, hektisch suchten sie die undichte Stelle.

Es war mehr als eine. Mit ihren Kleidern versuchten sie die Löcher notdürftig zu stopfen und das Wasser aus dem kleinen Boot zu schöpfen.

Soweit sie sehen konnten, war um sie herum nichts als Wasser. Sie mussten irgendwie an Land kommen, wenn sie nicht untergehen wollten. Daher ruderten sie einfach darauflos. Es gelang ihnen überraschend lange, das Boot über Wasser zu halten, doch es sank langsam aber sicher immer tiefer. Dann der erlösende Schrei des Smutje: „Land, da ist Land in Sicht.“

Der alte Mann hatte überraschend gute Augen, denn weder Norbert noch Paul, der Matrose, konnten es sehen. Corvian musste sich anstrengen, doch er sah etwas am Horizont schimmern. Er hoffte nur, dass es sich dabei nicht um eine Fata Morgana handelte, wie sie Wassersuchende in der Wüste sahen, nur umgekehrt. Obwohl ihre Arme schmerzten und sie völlig erschöpft waren, legten sie sich nun noch einmal in die Riemen und bald wurde das Land größer. Nicht allzuviel größer, denn es handelte sich um eine sehr kleine Insel.

„Hoffentlich leben da keine Kannibalen“, ächzte Paul.

„Wenn, dann mach‘ ich uns ein leckeres Gulasch aus denen“, lachte der Smutje.

Etwa 500 Meter vor der Küste sank das Boot endgültig und sie mussten schwimmen. Corvian achtete darauf, hinter den anderen zu bleiben, falls der Smutje Hilfe benötigte, doch der war es nicht, der sich schließlich an Corvian festhalten musste. Norbert war kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren. Seine Arme und Beine gehorchten ihm kaum noch und er hatte Mühe sich auf Corvians Rücken zu halten.

Hier kommt mein Adventskalender. Eine kleine Geschichte in vier Teilen. An jedem Adventssonntag kommt ein neuer Teil dazu. Ich weiß, der erste TEil ist ein bisschen verspätet ;-). Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.

 

Teil 1

Corvian betrat das Schiff mit einem Seufzer. Die nächsten drei Jahre würde er darauf verbringen.

Vor einer Woche hatte er angeheuert. Für ihn als Waisenjungen gab es nicht allzu viele Möglichkeiten, einen guten Job zu bekommen. Die meisten Berufe, die man ihm bisher gegeben hatte, waren dreckig und schlecht bezahlt gewesen. Nicht, dass er besonders hohe Ansprüche gehabt hätte, aber manchmal hatte er sich mit Ratten um ein Stück schimmliges Brot streiten müssen, weil sein kläglicher Verdienst gerade einmal für das Dreckloch reichte, in dem er hauste. Nach zwei Jahren hatte er genug von dem ständig knurrenden Magen. Wenn man zur See fuhr, konnte man gut verdienen. Das hing natürlich vom Erfolg ab, den man beim Fischfang hatte, aber wenigstens hatte er für die nächsten drei Jahre ein Dach über dem Kopf, ausreichend zu Essen und eine Hängematte zum Schlafen.

Er wusste nicht, was ihn erwartete. Noch nie zuvor war er auf einem Schiff gewesen. Es war größer, als er erwartet hatte.

„Wie ist dein Name?“, bellte eine raue Stimme.

„Corvian, Sir“, antwortete er und bemühte sich dabei seine Unsicherheit zu verbergen.

„Gehörst du hierher?“

„Ja Sir, ich bin Schiffsjunge.“

Der Mann trat aus den Schatten. Er sah gepflegter aus, als man es bei seiner Stimme erwartet hätte. Die Haare waren ordentlich gekämmt und die Wangen glatt. Er war wohl frisch rasiert. Er musterte Corvian einen Moment lang, dann brummte er: „Das erste Mal auf See. Das seh‘ ich gleich. Werden seh’n, ob du was taugst.“

Mit einer knappen Kopfbewegung gab er Corvinian zu verstehen, dass er ihm folgen solle.

„Ich bin Eversmeier, der zweite Maat.“

Eversmeier ging über das Deck nach hinten und wies auf eine schmale Treppe: „Da geht’s zur Kajüte. Sind schon ein paar da, die zeigen dir alles.“

Dann drehte er sich grußlos weg und ließ den Jungen stehen. Dieser atmete einmal tief durch und stieg die knarzende Treppe in den Bauch des Schiffes hinunter. Er gelangte in einen kleinen Flur. Es war nicht schwer, die Kajüte zu finden. Er folgte einfach den leisen Stimmen.

Sieben Männer waren bereits damit beschäftigt, sich einzurichten. Die meisten sahen gar nicht auf, als Corvian das kleine Zimmer betrat. Unschlüssig stand er in der Tür und sah sich um. Die Hängematten hingen dicht beieinander. Neben jeder stand eine Kiste für die persönliche Habe der Seeleute. Nach der Größe der Kisten zu schließen, konnten die anderen nicht viel mehr Eigentum besitzen als er selbst. In seinem Bündel befand sich eine zweite Garnitur Kleidung, ein alter, aber warmer Mantel und etwas Nähzeug, damit er die Klamotten ausbessern konnte, wenn es nötig wurde. Außerdem besaß er einen Schlüssel. Er war klein und bronzen und Corvian wusste nicht wozu er gehörte. Die Pflegerinnen im Waisenhaus hatten gesagt, dass er ihn um den Hals getragen habe, als er bei ihnen abgegeben wurde. Früher hatte er versucht ihn an jedem Schloss ausprobiert und sich wilde Geschichten dazu ausgedacht, was er aufschließen könnte. Eine Kiste voller Gold und Edelsteinen oder ein geheimes Tagebuch vielleicht. Mit der Zeit hatte es jedoch eingesehen, dass es unwahrscheinlich war, jemals das passende Schloss zu finden. Er trug den Schlüssel dennoch immer um den Hals. Er war eine Art Talisman für ihn geworden und gab ihm Halt, wenn er sich alleine fühlte.

„Da drüben sind die Schiffsjungen“, rief einer der Matrosen ihm zu.

Corvian nickte und ging in die angewiesene Richtung. Ein Junge, der gerade dabei gewesen war, seine Sachen in die Kiste zu stopfen, blickte ihm interessiert entgegen. Er sah jung aus, jünger als er selbst.

„Hey, ich bin Pascal. Die beiden Hängematten da sind noch frei. Wir Schiffsjungen müssen die in der hintersten Ecke nehmen, aber das ist eigentlich nicht so schlimm. Wir werden ja sowieso nicht viel Zeit hier verbringen. Wir haben ganz schön viele Aufgaben. Das ist auch gut, denn sonst kann es ganz schön langweilig auf so einem Schiff werden. Das hat zumindest mein Bruder gesagt, der ist als Matrose auf der Frischluft. Angefangen hat er aber…“

„Halt die Klappe“, unterbrach jemand von der anderen Seite des Raumes Pascals Redefluss.

Corvian musste ein Grinsen unterdrücken. Der Kleine war ihm sympathisch, aber auf Dauer würde es sicher anstrengend sein, ihn mit diesem französischen Dialekt und in dieser unglaublichen Geschwindigkeit plappern zu hören. Er könnte nur hoffen, dass sie nicht ständig zusammen eingeteilt sein würden.

Nachdem er sein Bündel in der Kiste verstaut hatte, tat er es den anderen Seeleuten gleich und legte sich in die Hängematte. Gerne hätte er das Schiff erkundet, aber dafür würde ihm später noch genügend Zeit bleiben. Pascal hatte wieder begonnen zu reden, diesmal aber mit gedämpfter Stimme, damit er die anderen nicht störte. Corvian hörte mit halben Ohr zu, während er die übrigen Matrosen beobachtete, wie sie nach und nach den kleinen Raum füllten. Pascal war zwei Jahre jünger als Corvian, also 14 Jahre alt, seine Eltern stammten aus Frankreich, lebten aber schon seit ein paar Jahren in Deutschland. Er hatte einen älteren Bruder, den er wie einen Helden verehrte, und vier jüngere Schwestern. Seine Eltern waren nicht besonders reich und Pascal war stolz, dass er jetzt endlich seinen Teil zur Ernährung der Familie beitragen konnte.

„Natürlich nur, bis ich alt genug bin zu heiraten, dann muss ich ja meine eigene Familie versorgen“, schloss er seine Ausführungen.

Mittlerweile waren die Hängematten alle besetzt und auch der dritte Schiffsjunge war eingetroffen. Ein großer, dünner Kerl, der einen recht verängstigten Eindruck machte. Pascal bombardierte ihn mit Fragen und begann seine eigene Geschichte noch einmal zu erzählen.

Corvian zog es vor an Deck zu gehen. Wenig später war das Schiff zur Abfahrt bereit. Die ganze Mannschaft versammelte sich jetzt auf dem Deck. Nun sah Corvian das erste Mal den Mann, der in den nächsten drei Jahren die absolute Gewalt über ihn haben würde. Kapitän Schellhoff war etwa Anfang vierzig. Er war klein, hatte ein breites Kreuz, schütteres braunes Haar und trug einen gepflegten Schnauzbart. Er sagte ein paar Worte, die irgendwie einstudiert wirkten, dann nahm jeder seinen Posten ein und die Leinen wurden gelöst. Da die Schiffsjungen noch keine Aufgabe hatten, standen die drei nebeneinander an der Reling und beobachteten, wie das Land immer schmaler wurde. Norbert, der dritte Schiffsjunge seufzte sehnsüchtig und Corvian glaubte, eine Träne in seinem Auge glitzern zu sehen, aber er sagte nichts.

 

In den nächsten Tagen wurden die Aufgaben verteilt und Norbert blieb keine Zeit mehr wehmütig zu sein. Sie hatten viel zu tun, es war ihre Aufgabe für die Sauberkeit in der Kabine zu sorgen, dem Smutje zur Hand zu gehen, das Essen für die Matrosen aufzutragen, den Abwasch zu machen, das Trinkwasser in den Fässern von Algen zu befreien, damit es nicht kippte und die mitgeführten Hühner zu versorgen. In den ersten Wochen fielen sie abends in ihre Hängematten und schliefen sofort ein. Manchmal schafften sie es nicht einmal, ihre Klamotten vorher auszuziehen. Sogar Pascals Mund stand dann still. Doch obwohl ihm jeder Muskel schmerzte und die Arbeit anstrengend war, fühlte Corvian sich wohl an Bord des Schiffes. Die Arbeit machte ihm Spaß und er verstand sich gut mit den übrigen Matrosen. Weil er fleißig und dennoch ruhig war, respektierten sie ihn bald. Sogar Eversmeier zeigte sich beeindruckt: „Du scheinst was zu taugen Junge. Ab heute trägst du das Essen in der Kabine auf.“

Corvian war überrascht. Das war eine große Ehre. Normalerweise wurde das Essen für den Kapitän von Piwny, einem dicken Matrosen, aufgetragen, weil es an Bord keine ‚erfahrenen‘ Schiffsjungen gab. Es war für alle drei die erste Fahrt. Eigentlich hätte ein vierter Schiffsjunge dabei sein sollen, der für die Bedienung des Kapitäns und der Maate zuständig sein sollte, aber er war kurz vor der Abreise erkrankt und so hatte einer der Matrosen diese Aufgabe übernehmen müssen. Der fehlte aber natürlich an anderer Stelle, daher sollte Corvian nun das Essen auftragen. Wenn er sich gut anstellte, durfte er vielleicht bald noch mehr ‚höhere‘ Aufgaben übernehmen.

Pascals Augen wurden groß, als Corvian ihm und Norbert erzählte, dass er am Abend dem Kapitän und den Maaten das Essen bringen würde.

„Das ist ja toll. Ich habe mir gleich gedacht, dass du es weit bringen kannst. Du bist schnell und natürlich auch gut. Du musst uns unbedingt erzählen, wie es in der Kabine aussieht. Ich habe gehört der Kapitän hat ein echtes Seeungeheuer da. Natürlich kein lebendiges, so ein ausgestopftes, aber er soll es selbst erlegt haben. Vielleicht ist das ja Blödsinn, aber du wirst es ja heute Abend sehen.“

Zwischen den drei Schiffsjungen hatte sich eine richtige Freundschaft entwickelt und Corvian wusste, dass sich die beiden anderen aufrichtig für ihn freuten.

 

In der Kabine des Kapitäns befand sich kein ausgestopftes Seeungeheuer, lediglich ein paar Bilder von Kraken, Walen und seltsamen Fischen zierten die Wände. Auf einem Schreibtisch in einem Winkel lagen einige Karten und Geräte, wie sie Corvian noch nie zuvor gesehen hatte, verstreut. Er hatte allerdings keine Zeit sie näher zu betrachten. Der alte Smutje hatte ihm genaue Anweisungen gegeben, wie er sich zu verhalten hatte. Er brachte den Befehlshabern das Essen, welches weitaus besser duftete und wesentlich appetitlicher aussah als das, was die einfachen Matrosen vorgesetzt bekamen. Nicht dass er sich beschweren wollte. Er war durchaus zufrieden mit den Speisen, man wurde satt und es war ihm noch nie übel davon geworden. Das war mehr als er gewohnt war.

Nachdem er das gebratene Huhn, den Erbseneintopf und die Kartoffeln auf den großen Tisch gestellt hatte, an dem der Kapitän mit den beiden Maaten saß, schenkte er jedem einen Becher voll Wein und zog sich dezent in den Hintergrund zurück, blieb aber im Raum, falls jemand noch einen Wunsch hatte.

Im Anschluss räumte er alles ab und brachte es zum Spülen in die Kombüse. Während des Abwaschs musste er unzählige Fragen beantworten. Vieles, was Pascal wissen wollte, konnte er gar nicht beantworten, versprach ihm aber am nächsten Tag mehr auf die Details zu achten.

 

Erneut erledigte er seine Aufgabe zur Zufriedenheit aller. Da Corvian es verstand unauffällig zu sein, vergaßen die Schiffsführer bald, dass er überhaupt da war. So lernte der aufmerksame Junge viel über die Schifffahrt, den Fischfang und noch einiges mehr.

Kapitän Schellhoff schätzte den fleißigen jungen Mann. Daher verlagerte sich dessen Aufgabengebiet immer stärker in den Bereich rund um die Bedienung der höheren Offiziere. Bald war er vom Böden schrubben und Kartoffelschälen völlig befreit. Er verbrachte die größten Teile der Tage zwischen der Kapitänskabine und der Kombüse. Letzteres vor allem, weil er den alten Smutje mochte. Er hieß eigentlich Wilhelm, aber niemand benutze seinen Namen. Früher war er, zumindest laut seinen eigenen Erzählungen, ein furchtloser Seemann gewesen. Obwohl er aus recht einfachen Verhältnissen gekommen war, hatte er es bis zum Maat gebracht. Jetzt war er zu alt, um „die jungen Kerle herumzuscheuchen“, wie er sagte. Von den Matrosen hatte Corvian erfahren, dass der Smutje viel Geld in Alkohol und Kartenspiele angelegt hatte. Beides schlechte Geschäfte. Er zog ein Bein nach, angeblich auch eine Folge seines Lebenswandels.

Corvian erwähnte nichts davon, wenn er bei dem alten Herrn in der Kombüse war. Er lauschte dessen Heldengeschichten und es war ihm egal, ob er da hin und wieder ein wenig übertrieb. Alles in allem konnte man sagen, dass Corvian sehr zufrieden war mit seiner Entscheidung zur See zu fahren.

Die Monate vergingen, die Fänge waren gut und sie hatten viel damit zu tun, die Fische auszunehmen und einzulegen, damit sie genießbar blieben, bis sie den nächsten Hafen anlaufen konnten. Dies taten sie etwa einmal im Monat. Die Landgänge waren jedoch sehr kurz und die Mannschaft hatte viel zu tun mit dem Entladen der Fracht und dem Einladen neuer Lebensmittel. Manchmal bekamen die Matrosen für einen Abend Freigang, das schloss die Schiffsjungen aber nicht mit ein.

„Wo sollten wir auch hingehen?“, sagte Norbert einmal.

Damit hatte er natürlich recht. In die Kneipen würde man sie noch nicht hineinlassen. Natürlich würden die Matrosen, die zum Teil kaum älter waren als Corvian, ihnen Branntwein und Rum bringen, wenn sie sie darum baten, aber sie hatten kein Verlangen danach. Egbert hatte gesagt, dass man durch Alkohol gesprächig würde. Das hätte Norbert vielleicht ganz gut getan, denn noch immer war er schweigsam und sprach selten mehr als zwei Sätze am Stück, aber Corvian wollte sich gar nicht vorstellen, wie Schnaps auf Pascal gewirkt hätte.

Wenn die anderen auf Landgang waren, machten es sich die drei Schiffsjungen mit dem Smutje auf Deck gemütlich. Die anderen Matrosen ließen ihnen dann immer einen besonderen Leckerbissen zukommen. Ein Stück Schweinefleisch oder einen Kuchen oder eine Flasche süßen Wein. Das war nur fair, denn immerhin bewachten sie ja das Schiff und dessen Fracht. So hatten auch die Vier etwas von dem Landgang der anderen und von denen musste keiner die unliebsame Wache übernehmen.

Über zwei Jahre gingen so vorüber. Kapitän Schellhoff hatte Corvian bereits signalisiert, dass er ihn, wenn er dieser es wünsche, gerne auch auf der nächsten Fahrt dabeihaben würde. Dann aber schon nicht mehr als Schiffsjunge, sondern als Matrose. Das wäre ein sehr schneller Aufstieg gewesen.

Doch es sollte nicht so einfach werden.

Das Glück des Zauberers - Stan Nadolny

Genres
Fantasy / Geschichte

Seiten
320

Warum?
Ich liebe Zauberer. Hier geht es um einen Zauberer, der die Geschichtsträchtigsten Momente der letzten 100 Jahre miterlebt hat. Ich fand das klang sehr spannend. Außerdem ist das Cover und der Titel toll

Wie?
Taschenbuch

Nach dem Cover und dem Klappentext zu urteilen, habe ich einen poetischen Roman erwartet, der die harte reale Geschichte mit etwas Zauberhaftem verbindet, der vielleicht sogar ein wenig Hoffnung vermittelt. Gedacht ist es vermutlich auch so. Leider kam das Gefühl bei mir nicht an.

Die Geschichte wird in Form von Briefen erzählt, die der alte Zauberer Pahroc an seine Enkelin schreibt. Er glaubt, dass auch sie zaubern kann. Allerdings ist sie noch zu jung, um von ihm zu lernen. Daher schreibt er ihr Briefe, in denen er von seinem Leben erzählt und sein Wissen über die Zauberkünste weitergibt. Einige Stellen sind durchaus schön und die Zauberfähigkeiten werden gut in die Erlebnisse des Zauberers eingewoben, aber Pahroc bewegt sich leider meist so teilnahmslos durch die ganze Geschichte, dass das Lesen manchmal schwer wird. Die Beziehung zu seiner Frau fand ich ganz gut erzählt. Zu seinen Kindern hingegen scheint er keinerlei Bindung aufzubauen. Sein Verhalten ihnen gegenüber wirkt völlig emotionslos.

Ich hatte manchmal das Gefühl, dass zu viele geschichtliche Schauplätze hineingepackt wurden. Ein paar wenige Schlaglichter, die dafür aber stärker ausgebaut, wären schöner gewesen. Die über 100 Jahre von Pahrocs Leben werden hier eher „abgearbeitet“, was auch zu Lasten der Charaktere geht. Diese bleiben alle ziemlich blass.

Außerdem fand ich das ständige Hin und Her über die „Echtheit“ der Geschichte am Schluss ziemlich nervig.

Wie heißt es im Nachwort (von Pahrocs Gehilfen verfasst) so treffend: „… ich habe sogar einen Buchtitel beigesteuert, der 2017 bei hellsichtigem Menschen Interesse wecken könnte.“ Das Interesse hat er bei mir tatsächlich geweckt. Leider konnte der Roman nicht halten, was der schöne Titel verspricht.

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Ich hätte mir mehr erwartet. Die Idee ist so schön, aber leider konnte mich die Umsetzung nicht fesseln.

wizard klein

Bild - Die Schwestern von Sherwood von Claire Winter

Genres
Historischer Roman, Drama

Seiten
576

Warum?
Bei Amazon gefunden und es klang einfach interessant. Außerdem spielt es im Dartmoor

Wie?
Taschenbuch

Es handelt sich um einen Roman mit zwei Handlungssträngen. Die junge Journalistin Melinda erhält  im Nachkriegsberlin ein Packet mit Bildern einer Moorlandschaft und einer Schachfigur. Es gibt keinen Absender, aber sie ist so fasziniert, dass sie beschließt das Rätsel zu lösen und nach England reist.

Die zweite Geschichte ist die von zwei jungen Schwestern aus gutem Hause.

Ich fand das Buch wunderschön. Besonders die Geschichte der beiden Schwestern hat mich sehr berührt. Amalia ist eine starke, sympathische Figur mit der man mitfiebern und mitleiden kann. Ihre ältere Schwester Cathleen bleibt dagegen leider etwas blass.

Ich fand beide Geschichten gut aufgebaut und konnte mich in beide hineinziehen lassen.

Der Roman schildert nachvollziehbar, mit welchen Schwierigkeiten man im viktorianischen England zu tun hatte, wenn man nicht ins übliche Bild passte. Durch Amalias Gehörlosigkeit wird sie praktisch zum Makel ihrer Familie und vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.

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Ein wunderschöner Roman zum Schmökern. Liebe, Tragik, Spannung, alles ist hier enthalten.

wizard klein

Talisien von Stephen Lawhead

Bild

Genre
Fantasy

Seiten
575 (laut Amazon)

Warum?
Ich liebe Merlin. Stephen Lawhead hat ein Buch über Merlin geschrieben. Dieses ist im Pendragon-Zyklus erschienen und Talisien ist der erste Band, also macht es Sinn, diesen zuerst zu lesen

Wie?
Kindle-eBook

 

Die Geschichte beginnt auf Atlantis. ATLANTIS. Ich war einigermaßen irritiert, denn was hat das bitte mit dem früh-mittelalterlichen England zu tun? Irgendwann springt es in einem zweiten Handlungsstrang dann doch noch nach England und natürlich werden die beiden Handlungsstränge irgendwann zusammengeführt.

Obwohl die Idee und die Geschichte durchaus interessant sind, habe ich eine ganze Weile gebraucht mich hineinzufinden. Passagenweise fand ich es ganz spannend, doch viel öfter hatte ich das Gefühl, die Prozentzahl auf meinem Kindle geht gar nicht nach oben.

Ich hatte einige Schwierigkeiten mir die weibliche Hauptfigur Charis vorzustellen. Zwischenzeitlich wirkte sie auf mich älter als sie sein sollte und sehr emanzipiert, später fiel es mir dann schwer sie wieder als junge, zerbrechliche Frau wahrzunehmen.

Talisien ist mir fast ein bisschen zu perfekt. Er hat so gar keine Ecken und Kanten. Das scheint zwar bei der Darstellung großer Druiden dieser Zeit verbreitet zu sein (zumindest ist das nicht der einzige Roman, bei dem das so ist), wirkt aber wenig realistisch.

Ich bin etwas hin und hergerissen. Einerseits fand ich den Roman nicht schlecht, andererseits hat er sich gezogen. Direkt im Anschluss hatte ich zumindest nicht das Bedürfnis den zweiten Band (Merlin) zu lesen. Allerdings muss ich auch gestehen, dass mich der schmale Rand und die enge Schrift dieses Buches (ich besitze den zweiten Band als Taschenbuch) zusätzlich ein wenig abschrecken…

leseeule kleinleseeule kleinleseeule klein


Ein netter Fantasyroman, der den Atlantis- und den Artus-Mythos auf interessante Weise zusammenbringt, allerdings auch einige Längen hat.

wizard klein